Harlekins Erben

Text: Angelika Griem

HARLEKINS ERBEN

Ein matter Mond streut Licht über die Kanäle von Venedig. Die Luft ist feucht. Modriger Geruch steigt von den Wasseradern auf. Musikfetzen dringen durch die Gassen. Venedig feiert den Karneval der lustvollen Melancholie. Ein auf- und abwogender Strom maskierter Menschen bewegt sich über die Plätze. Die Kostüme blühen in Farben von verwelkter Tiefe und bleicher Müdigkeit. Hinter der Maske wird jeder Einzelne zum Hauptdarsteller in einem grandiosen Schauspiel derder Entdeckung von Nähe und Ferne. Jeder schaut. Jeder spielt. Das Spiel heißt Begegnung mit dem Unbekannten, Unerwarteten. Masken sind geheimnisvoll und faszinierend. Sie verbergen und können gleichzeitig entlarvend sein. „Es ist eine Tatsache, dass die ganze Menschheit eine Maske trägt oder getragen hat… Ganze Völker haben die einfachsten und wertvollsten Werkzeuge ignoriert, aber sie kannten alle die Masken…“ kennzeichnet Roger Callois als Kenner der Geschichte der Maske diese überraschende Gemeinsamkeit der Menschen. Masken gehören zu den frühen Kultäußerungen der Menschheit. Davon zeugen vielfältige archäologische Funde. Allerdings wurden sie nicht zum Verkleiden und zu Schabernack benutzt. Ihre Funktion lag in der Verwandlung des Menschen in andere Wesen mit Hilfe von kultischen Handlungen. In der Tiermaske, der ältesten Maskenform, schlüpfte der Urmensch in das Wesen des Beutetiers und machte es sich durch magische Riten verfügbar. Gleichzeitig würdigte er mit diesen Riten das Tier als gleichberechtigtes Lebewesen und sprach ihm durch das Totem Macht über den Menschen zu. So diente die Maske auch zur Steigerung ins Überpersönliche, Heilige; lebte durch sie die Seele Verstorbener, Geister, Götter und Dämonen. Die anthropomorphen, also Menschen-Masken, sind jüngerer Herkunft und in allen frühen Hochkulturen der Erde zu finden: Sie spiegeln das Grauen vor dem Tod, Angst, Ohnmacht oder Verzückung in Anbetracht des Göttlichen wider. Vielfach wurden Götter mit Tiermasken ausgestattet, wie z.B. der falkenköpfige Horus bei den Ägyptern, der als Lichtgott und Beschützer der Kinder galt. In der Antike wurden Maskenfeste als Teil der Fruchtbarkeitskulte gefeiert. Zu Ehren des Gottes Dionysos (auch Bacchus), der der Gott des Weines, aber auch der Fruchtbarkeit war, suchten die Menschen in tagelangen Weingelagen die Vereinigung mit ihm. Dieses Fest wurde im Frühjahr begangen, wenn – wie man glaubte – Dionysos über das Meer zurückkehrte, um die Fruchtbarkeit über die Erde zu bringen. Das Christentum lehnte die antiken Maskenkulte ab, und die Masken der Heiden waren verrufen. Mit dem Schwinden der Götterwelt verschwanden die Masken jedoch keineswegs. Von dem Versuch, mit Hilfe der Maske über etwas Abwesendes magische Gewalt zu erlangen und die Götter zu beschwören, blieb am Ende das Lachen und die Lust an der Verkleidung. Die Bacchanalien wurden zu Vorläufern der Narrenfeste im Mittelalter. Den Kirchenvätern war das gar nicht recht. „Die Christen rasen vornehmlich an diesen Tagen, binden Larven vor, tauschen die Geschlechter aus, vermummen sich in Gespenster, Teufel, geben sich dem Bacchus und der Venus hin und halten allen Mutwillen für erlaubt“, heißt es in einer Kirchenschrift aus dem 4. Jahrhundert. Schließlich erreichte man, dass die Ausschweifungen zumindest zeitlich begrenzt wurden, indem man den Aschermittwoch zum ersten Tag des 40tägigen Fastens vor Ostern erklärte. In Venedig wurde das Narrenfest mindestens seit dem Mittelalter gefeiert. Je schlechter die Zeiten waren, umso rauschender war das Fest vor der Fastenzeit. Selbst als die Pest Europa verwüstete und Venedig heftiger als manche andere Städte heimsuchte, ließen sich seine Bürger nicht davon abhalten, in Kostüm und Maske Vergessen zu suchen. Im 15. und 16. Jahrhundert war in der Lagunenstadt jede Form der Maskerade verboten. Erst im 17. Jahrhundert lockerte sich das Vermummungsverbot, was dazu führte, dass die Maske sogar ganzjährig in Gebrauch war. Vor allem für die Oberschicht und den Adel wurde es üblich, maskiert zu einem Rendezvous oder zu einer geschäftlichen Unterredung zu erscheinen. Viele der beliebtesten Masken entstammen der Commedia dell’arte, dem klassischen italienischen Stegreifspiel. Es mag an diesen Figurenvorbildern liegen, am naiven Harlekin, am grantigen Pantalone, am träumerischen Pierrot, dass Harlekins Erben heute Masken tragen, die eher einem melancholischen Lächeln als einem herzhaften Lachen gleichen. In Venedig ist das Treiben der Narren eher ein stilles Spiel von Individualisten, die für Minuten ihr Publikum finden, wieder verlieren und in einer anderen Gasse wieder suchen, eine Pantomime der zarten Gestik, der zurückhaltenden Andeutungen. Die Komödien der Commedia dell’arte hatten alle einen ernsten Hintergrund in den schweren Lebensbedingungen der Bevölkerung. Ein wenig davon lässt sich auch heute noch in den venezianischen Masken spüren. Die Distanz, die durch die Maske zwischen Mensch und Realität geschaffen wird, gibt die Freiheit, unbefangen zu agieren, zu tun, was die Angst im Alltag verbieten würde. Im Spiel mit der Scheinrealität, der Täuschung und des Identitätswechsels wird die Vergänglichkeit des Menschen gleichsam vorweggenommen und entschärft. Losgelöst vom Alltag verwandelt sich das Leben in Leichtigkeit.